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„Und dann hat sie mir das Gefühl gegeben …“

Kleine Konfliktkunde
Kathrin Hammer Blog - Gefühle machen

Ich stehe in der Fortbildung vor meinen TeilnehmerInnen und da ist er wieder! Dieser Satz! Ich bin gerade so richtig in meinem Element, laufe mich langsam warm, und dann kommt irgendwann der Satz so oder so ähnlich: „Sie hat mir das Gefühl gegeben…“

 

Ich frage wie aus der Pistole geschossen: „Echt jetzt? Sie hat dir dieses Gefühl gegeben? Wie hat sie das gemacht?“ Und dann folgt eine lange Liste von Dingen, die sie getan hat und warum mein Gegenüber jetzt verärgert, wütend oder traurig ist. 

 

Dann ist meine Stunde gekommen und ich rücke mit meiner Nachricht des Tages endlich raus: „Leute, niemand kann euch eure Gefühl machen, das könnt ihr nur selbst!“.

 

Alle Augen schauen mich an. Ja aber, SIE ist doch zu spät gekommen? Ja schon, aber du hast entschieden, dass ihr Zuspätkommen dich traurig macht. Ungläubige Blicke, jetzt ist sie komplett verrückt geworden! Nun bringe ich mein Lieblingsbeispiel:

 

Stell dir vor, der Bus kommt zu spät, als du gerade zur Arbeit fahren willst. Du wartest jetzt schon 10 min, aber er ist nicht in Sicht. Wie fühlst du dich? Viele, sehr viele Menschen sagen: „Ich werde ärgerlich, weil ich gerne pünktlich an der Arbeit wäre.“ Pünktlichkeit ist eben eine Tugend, das haben wir so gelernt. Und das Kind, das mit dem Bus zur Schule fährt, wie könnte das sich fühlen? Alle sind sich einig, das ist freudig aufgeregt und hofft, dass der Bus noch lange auf sich warten lässt. Vielleicht sogar so lange, dass es die Mathearbeit in der ersten Stunde nicht mitschreiben kann. Ok, und was ist mit dem Mann mit dem Handy in der Hand? Der ist glücklich, dass er noch 10 min länger Zeit hat, um mit seiner neuen Freundin zu chatten. Und außerdem scheint die Sonne so schön, da genießt die Frau mit dem Hund noch die Zeit, bis der Bus kommt in der warmen Sonne. Und der Herr im grauen Anzug, der ist wütend, weil sein Geschäftspartner ihn schon angerufen hat, wo er denn bleibt.

 

Ärgerlich, glücklich, zufrieden, wütend … so viele Gefühle, und die hat jetzt alle der Busfahrer gemacht? Was der alles kann! Nun sind sie bei mir, meine Teilnehmer. Sie verstehen, dass der Busfahrer die Gefühle wohl ausgelöst hat. Und dass jeder Mensch anders auf ein und denselben Anlass reagiert. Und dass das nur mit diesem einen Menschen selbst zu tun hat. Je nachdem, was er vom Typ her für einer ist, was er gerade noch vorhat, wie sein Tag bisher verlief und welches „Kopfkino“ gerade mal wieder abläuft. All das entscheidet darüber, wie der Mensch sich fühlt. Und wenn ich mir bewusst mache, dass ICH die Macht habe, dieses Gefühl anzunehmen oder es zu verändern, dann habe ich es geschafft.

 

 „Das ärgerliche am Ärger ist, dass man sich schadet, ohne anderen zu nützen“ (angeblich Tucholsky).

Das hat mir gefallen und drum entscheide ich mich immer öfter ganz bewusst gegen den Ärger. Ich nehme ihn noch wahr, wie er langsam in mir hochkommen will. Und dann entscheide ich, dass ich mich nicht ärgern will, weil das auch nichts an der Situation ändert. Es ist, wie es ist. Der Bus ist nicht pünktlich. Ich atme einmal, zweimal, dreimal tief ein und wieder aus. Der Ärger ist weg! Probier es aus! Und nun entscheide ich bewusst, dass ich die 10 min, die mir geschenkt wurden, genießen möchte. Ich blinzle in die warme Sonne, ich scrolle durch meine Timeline bei Facebook, ich beobachte das selbstvergessen spielende Kleinkind, dem es völlig egal ist, ob der Bus pünktlich ist …

 

Okay! Ich schaue in die Gesichter meiner TeilnehmerInnen. Ich glaube, ich war überzeugend. Ich habe sie ermächtigt, zukünftig selbst über ihre Gefühle zu entscheiden. 

 

Möchtest du heute glücklich sein? Du entscheidest!

 

 

Deine Kathrin Hammer

 

Magst du weiterlesen in meinem Blog "Gefühlswelten"?